Für Eduard Arnhold

Im September 2019 folgte Peter von Becker der Einladung des Kaiser Friedrich Museumsvereins, einen Vortrag über den bis dahin fast vergessenen Eduard Arnhold im Bode-Museum zu halten.

Für Eduard Arnhold

Liebe Frau Dr. Blass-Simmen, liebe Frau Dr. Held, lieber Herr Albrecht und lieber Herr Eissenhauer vom heute gastgebenden Kaiser Friedrich Museumsverein, liebe Anne und Christoph Kunheim aus dem Familienkreis der Arnholds, liebe Frau Pester vom Verlag Hentrich & Hentrich, die meine jetzt erschienene Arnhold-Biografie verlegt hat, und lieber Herr Simon als Herausgeber der Reihe „Jüdische Miniaturen“,
liebe Freunde und Gäste,

vor nicht ganz zwei Wochen sind in Berlin gerade zwei auf unterschiedliche Weise bemerkenswerte Ausstellungen zu Ende gegangen.

Hier auf der Museumsinsel hat die Alte Nationalgalerie den Franzosen Gustave Caillebotte mit seinem 1877 vollendeten Gemälde einer Pariser Straßenszene präsentiert: als Beispiel einer so in der Malerei bis dahin höchst ungewöhnlichen, in Perspektive und Ausschnitt fast filmischen Aufnahme aus dem Alltag einer Großstadt. Der Titel der Ausstellung bezeichnete Caillebotte als „Maler und Mäzen des Impressionismus“.

Kein Maler, aber ein Sammler und auf seine Weise ein Mäzen des französischen Impressionismus ist gegen Ende des 19. Jahrhunderts in Berlin auch der Industrielle Eduard Arnhold. Was man angesichts der heute wohl populärsten Kunstrichtung allerdings kaum glauben mag: Die französischen Impressionisten waren im eben erst nach dem Sieg über Frankreich gegründeten Deutschen Reich verfemt, denn der Nachbar am Rhein galt als „Erbfeind“ und seine damals junge Kunst als fremdartige Verirrung. Arnhold war einer der wenigen, der insoweit auch Kaiser Wilhelm II. und dem damals herrschenden Geschmack widersprach.

Caillebottes berühmte Pariser Straßenszene aus der Kollektion des Art Institute Chicago konnte jetzt in Berlin freilich nur präsentiert werden, weil die Alte Nationalgalerie im Gegenzug eines ihrer Prunkstücke nach Chicago ausgeliehen hat. Es ist Edouard Manets Gemälde „Im Wintergarten“, das Berlin auch dank Eduard Arnholds besitzt. Arnhold hat den Ankauf für die Nationalgalerie 1896 mitfinanziert – just im selben Jahr, als Wilhelm von Bode, der Namensgeber an heutiger Stelle, den Kaiser Friedrich Museumsverein gründet, zu dessen ersten Mitgliedern und prominentesten Förderern wiederum Eduard Arnhold gehört.

Ein zweiter, historisch etwas näherer Fall. Zeitgleich mit Caillebotte auf der Museumsinsel hat der Hamburger Bahnhof den für viele Besucher neuen oder mindestens ungewohnten Blick auf einen Maler eröffnet, der hierzulande noch immer zu den beliebtesten gehört. „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“, so hieß die Schau, und Sie alle haben von dem spektakulären Begleitumstand gehört, dass Angela Merkel deswegen zwei Nolde-Bilder aus ihrem Büro im Kanzleramt abhängen ließ.

Dass Nolde, obwohl er als Expressionist ab 1933 von den Nazis offiziell der „Entarteten Kunst“ zugerechnet wurde, sich mehrfach antisemitisch geäußert und versucht hatte, sich dem NS-Regime als Gefolgskünstler anzudienen, war durchaus nicht unbekannt. Wurde aber in zahllosen Publikationen ebenso wie beim zahlreichen Publikum nach 1945 verdrängt oder verschwiegen.

Hierzu gehört ein Detail, das in der ansonsten fundierten Ausstellung nicht recht vorkam. Einmal nämlich, im Jahr 1913, hat auch Eduard Arnhold ein Bild von Nolde erworben. Es ist das Jahr des Beginns einer „Deutsch-Neuguinea-Expedition“ zur Erforschung von Tropenkrankheiten und der hohen Sterblichkeit in der damals zum Deutschen Reich gehörenden Kolonie. Arnhold und seine Frau Johanna, eine geborene Arnthal, finanzieren dabei dem gerade erst aufstrebenden Expressionisten Emil Nolde und seiner Frau Ada die Teilnahme an der bald so genannten „Südseereise“. Sie wird begleitet von Eduard und Johannas Nichte Gertrud Arnthal, die sich als ausgebildete Krankenschwester um die labile Gesundheit von Noldes Ehefrau kümmert und deren Mitreise überhaupt ermöglicht. Nolde hat unterwegs mindestens zwei Aquarell-Porträts der von ihm als junge Schönheit gehuldigten Gertrud gefertigt, bevor diese 1914 auf Borneo innerhalb kurzer Zeit an Malaria stirbt, mit kaum 24 Jahren. Als die Arnholds ihren Sarg später nach Deutschland überführen lassen wollen, wird das Schiff im mittlerweile ausgebrochenen Weltkrieg versenkt. Nolde freilich, der diese Südseereise ausführlich schildert, streicht aus seinen in den Dreißiger Jahren verfassten und auch nach 1945 mehrfach aufgelegten Memoiren jede namentliche Erwähnung Eduard und Johanna Arnholds, seiner jüdischen Gönner. Diese haben so eine enge Verwandte verloren, und Gertrud selbst, für Nolde das „junge blühende Mädel“, wird von ihm posthum noch ihrer Familie beraubt. Auch hier: ein Verdrängen, Auslöschen und Vergessen.

Das erwähnte Jahr 1913, kurz vor der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, wie der Historiker George F. Kennan den Ersten Weltkrieg genannt hat, es erscheint doch als Arnholds „annus mirabilis“. In Rom wird die von ihm dem deutschen Staat als größte Kulturstiftung geschenkte Villa Massimo eröffnet. Bis heute ist die offiziell als „Accademia Tedesca“, als Deutsche Akademie in Romfirmierende Institution die begehrteste Adresse für Auslandsstipendien deutscher oder in Deutschland lebender Künstlerinnen und Künstler.

Gleichfalls in Rom ist Arnhold im Jahr 1913 auch Mitbegründer und Förderer der in deutschem Besitz befindlichen Bibliotheca Hertziana, einer der weltweit schönsten und wichtigsten Kunstbibliotheken, residierend im Palazzo Zuccari an der Spanischen Treppe. Die Hertziana gehört jetzt zum Verbund der Max-Planck-Gesellschaft. Und diese Vereinigung der bedeutendsten Forschungsinstitute auf nahezu allen wissenschaftlichen Gebieten hieß vor gut hundert Jahren noch: Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften. Sie wurde im Jahr 1911 konstituiert und von ihrem Senator Eduard Arnhold, um hier einmal eine Summe zu nennen, sogleich mit 250 000 Mark gefördert. Eine Zahl, an die man heute zum Vergleich wohl noch zwei Nullen anhängen darf.

Ähnlich freigiebig hat der Kulturmäzen auch zahllose soziale Einrichtungen unterstützt oder zusammen mit seiner Frau ins Leben gerufen.

Dort steht er nun und ist doch nicht mehr da. Auf Max Liebermanns Porträtgemälde, vollendet vor jetzt 100 Jahren, erscheint Eduard Arnhold als selbstbewusster Großbürger in Anzug und Weste, die Rechte hält noch den fast abgerauchten Stumpen einer Zigarre, die Linke mit vier Fingern in der Hosentasche, der Daumen so locker wie energisch hervorstehend, der Mund unterm Schnurrbart ein bisschen schief gezogen, womöglich leicht amüsiert, vielleicht aber zeigt sich dabei auch ein Hauch Ungeduld beim Modellstehen. Dieser Mann mit der hohen Stirn und dem kurzgeschnittenen gewellten Haar, hat die Muße und das Musische geschätzt, aber die Muße vor allem, um dabei mit nie versiegendem Enthusiasmus über neue Projekte und Ideen nachzudenken. Nicht nur über Geschäftsideen – vielmehr über ein besseres, also schöneres Leben, für möglichst viele Menschen.

Er steht nicht mehr da. Denn Liebermanns Arnhold-Porträt ist verschollen. Versunken, fast vergessen, wie er selbst. Es gibt nur noch die schwarzweißen Fotografien. Auch andere Bilder, auf denen Eduard Arnhold in Jung mal wie der kecke Geist eines Romans von Stendhal, Flaubert oder Zola erscheint oder später, gravitätischer, wie die Figur aus einem Fontane-Roman; dazu die Salons seiner gleichfalls untergegangenen Stadtvilla in der einstigen Regentenstraße 19 in Berlin-Tiergarten, etwa im Roten Saal, so genannt wegen der bordeauxfarbenen Seidentapeten auf den Wänden, an denen die Gemälde von Edouard Manet, Claude Monet, Camille Pissaro, Alfred Sisley, aber auch Arnold Böcklins berühmter „Prometheus“, Franz von Lenbachs Bismarck-Porträt und Max Liebermanns Amsterdamer „Papageienallee“ hingen.

Arnholds heute, in den Zeiten des globalisierten Kapitalismus durchaus erstaunlich klingendes Credo lautete: „Der Kaufmann ist nicht nur Agent des Warenverkehrs, sondern ... in der Hauptsache der Vermittler fruchtbarer kultureller Ideen und ein ausschlaggebender Faktor für den ethischen Fortschritt der Menschheit.“

Kein Großbürger von Geburt, kein reicher Sohn. Arnholds Vater, ein Anhänger der gescheiterten 1848’er-Revolution, war in Dessau jüdischer Gemeinde- und Armenarzt; er und seine aus Berlin stammende Ehefrau hatten acht Kinder, die nicht alle überlebten und für die es zunächst kein Geld gab zum Studieren. Eduard und sein älterer Bruder Max gingen darum mit 14 Jahren in die Lehre: Max nach Leipzig in eine Bank, er und sein jüngerer Bruder Georg hatten dann früh als Bankiers Erfolg, und ihr Zweig der Arnhold-Familie hat sich nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amerika retten können. Das einstige Wannsee-Domizil von Georgs Sohn Hans Arnhold ist erhalten, es ist heute Sitz der American Academy.

Eduard Arnhold aber kam aus Dessau früh nach Berlin: in die Lehre bei der Kohlegroßhandlung Caesar Wollheim. Der Junge, der mit 14 Jahren schon Französisch und Englisch sprach, Latein kannte und sich als leidenschaftlicher Leser fortbildete, muss bei dem Grubenbesitzer und Handelsmann Wollheim schnell Eindruck gemacht haben. Ein Zauberlehrling. Begabt mit einem ungeheuren Sinn für alte und neue Energiemärkte, für moderne Vertriebswege von den oberschlesischen Kohlegruben nach Berlin und ins ganze Reich, einer, der vom Kumpel, dem Flößer und Schiffer bis zum Kontoristen seine Arbeiter und Angestellten begeistern konnte. Offenbar ein Supermotivator, dessen Lebensmotto „Fleiß und Fröhlichkeit“ waren und der von sich sagte: „Ich habe keine Zeit, um unpünktlich zu sein.“

Mit 21 hat Arnhold schon Prokura, mit 25 wird er Caesar Wollheims Teilhaber und nach dessen Tod 1882 bereits als Anfangsdreißiger Chef des gesamten, auch ins Gasgeschäft und ins Reedereiwesen weiter expandierenden Unternehmens. Der Kunstliebhaber und soziale Philanthrop war zugleich einer der erfolgreichsten Magnaten auch des industriellen, technischen Fortschritts seiner Zeit. Ein Entwickler des Güter- und Personenverkehrs auf Straßen, Wasser und Schienen, leitend tätig in den Aufsichtsräten der großen Energie- und Bahnkonzerne, ein Herr über eigene Schiffe, Unterstützer auch der neuen Luftschiffe des Grafen Zeppelin.

Als mit dem Ersten Weltkrieg die Monarchie in Deutschland untergeht, wird der loyale Monarchist dann zum ebenso loyalen Unterstützer der ersten republikanischen Demokratie. Zusammen mit seinem jüdischen Freund und Unternehmerkollegen Walther Rathenau, dem späteren Außenminister und Opfer eines rechtsradikalen Mordanschlags, vertritt er die junge, gefährdete Weimarer Republik auch als wirtschaftspolitischer Berater bei den Vertragsverhandlungen von Versailles und im belgischen Spa.

Reichtum verpflichtet, ist seine Devise. Er spendet mindestens ein Viertel seines immensen Vermögens für soziale und kulturelle Zwecke. Just in jenem Jahr 1913, als in die Ateliers der Villa Massimo die ersten Künstler als Stipendiaten einziehen, wird Eduard Arnhold auch zum Mitglied des Preußischen Herrenhauses berufen. Im Kernland des Deutschen Kaiserreichs war dies die zweite Kammer des Parlaments – und Arnhold war dort der einzige Jude bis zum Ende des Kaiserreichs.

Eine Konversion zum Christentum, die Wilhelm II. wohl von Arnhold erwartete, lehnte er ebenso wie eine damit avisierte Ernennung zum Minister und Erhebung in den Adelsstand. Obwohl Monarchist, war Arnhold als durchaus säkularer Freigeist auch überzeugter Bürger. Kein besitzpochender Bourgeois, vielmehr ein der Gesellschaft verpflichteter Citoyen. Auch einer, der, wenn der Staat versagt, als sozial und kulturell engagierter Mann das Heft selbst in die Hand nimmt. Das gilt exemplarisch für die Verwirklichung der Villa Massimo.

Jahrzehnte lang hatte es unter Beteiligung der bayerischen und preußischen Königshäuser, dann nach 1871 des Deutschen Kaiserreichs und diverser Personen aus Politik, Kultur und Wirtschaft Bemühungen gegeben, in Rom auch den deutschen Künsten und Künstlern ein besonderes Domizil zu geben. Vorbild war die schon im 17. Jahrhundert gegründete Französische Akademie in der prachtvollen Villa Medici, der auch die Briten, Spanier oder Amerikaner in unterschiedlicher Weise nachzueifern versuchten. Richtig erfolgreich aber wird erst die Initiative Eduard Arnholds, der allemal ein Gründergeist und Pionier ist.

Aus dem Besitz des römischen Fürsten Massimo erwirbt Arnhold im Jahr 1910 rund 25 000 Quadratmeter Park und teilweise noch landwirtschaftlich genutzten Garten im Nordosten Roms. Arnhold, der als Multimillionär dennoch von der Armut vieler, vor allem junger Künstler aus eigener Anschauung wusste, wollte dem begabten Nachwuchs in der alten Welthauptstadt der Künste ein Stück modernes Arkadien schaffen. Einen Ort der Sehnsuchtserfüllung: mit Haus und großzügiger Arbeitsstätte für mindestens ein Jahr, ohne materielle Sorgen.

Man muss das kaum eigens betonen: Italien war für deutsche Künstler, von Albrecht Dürer über Goethe bis Richard Wagner, ein Ziel, wo Geschichte und Ästhetik, Natur, Stadt und Landschaft zum vorbildhaften Ideal verschmolzen. Darum hat sich der Kunst- und Italienliebhaber Eduard Arnhold den in Florenz lebenden Schweizer Architekten Maximilian Zürcher, eigentlich einen Maler, als Baumeister seines Künstlerprojekts ausgesucht und lässt ihn nach seinen eigenen Vorgaben zwischen 1910 und 1914 eine Neo-Renaissance-Villa als Haupthaus und ihm gegenüber die Reihe der kleineren, funktional-schönenAtelier-Wohnhäuser für die Stipendiaten anlegen. Inmitten von Pinien und Zypressen, von antiken Skulpturen, Spolien, Brunnen.

Die Villa und die Ateliers: das Zitat klassischer Vergangenheit und auf der anderen Seite architektonisch ein früher Hauch Bauhaus. Heute wirken die über hundertjährigen Ateliers nun ihrerseits als Zeugnisse klassisch-überzeitlicher Moderne. Dieser Kontrast passt zu Arnhold als fortschrittlichem Traditionalisten. In Florenz hat er vor der Erfindung der Villa Massimo bereits das Kunsthistorische Institut und mit der von Max Klinger gegründeten Villa Romana ein modellhaftes deutsch-italienisches Künstlerhaus unterstützt. Max Klinger ist es auch, der für Eduard und seine Ehefrau Johanna das gemeinsame Exlibris entwirft: eine Göttin des Frühlings und des Glücks, die aus ihrem Füllhorn aussät und ausschenkt. Ab 1905 gehören zu den von Arnhold mitgeförderte Stipendiaten und Gästen der Villa Romana Gustav Klimt, Georg Kolbe, Käthe Kollwitz, Henry van de Velde und der junge Max Beckmann.

Florenz, die Hauptstadt der Renaissance, liegt so auf dem Weg nach Rom. Und Eduard Arnhold erwirbt mit seiner Frau schon um 1900 kurz vor dem Tod des Malerfreundes Arnold Böcklin dessen Villa Bellaggio in Fiesole, in den Hügeln über Florenz. Böcklin wird durch den Kaufpreis aus einer Notlage befreit und bleibt mitsamt seinem Atelier bis zu seinem Lebensende in der Villa. Mit Böcklins Gemälde des Prometheus wiederum legte Arnhold ab Anfang der 1880er Jahre den Grundstock seiner eigenen, von Goya über die französischen Impressionisten bis zu Max Liebermann ausgreifenden Berliner Kunstsammlung. Prometheus, der von den Göttern bestrafte, doch für die Menschen Segen bringenden Dieb des himmlischen Feuers. Für den Energieträger Arnhold, der mit seinen Kohlegruben das östliche Deutsche Reich und die boomende Reichhauptstadt Berlin versorgte, war der selbstlose Energiebringer Prometheus ein Symbol des technischen und humanen Fortschritts.

Nach Florenz also Rom, um für Künstler einen neuen Garten Eden zu schaffen. So erhoffte es sich der Stifter, der dabei auch als Ehrenmitglied der Berliner Akademie der Künste agiert und dafür rund zwei Millionen Reichsmark investiert – in Euros umgerechnet entspräche das heute wohl der hundertfachen Summe. Zwei Weltkriege, Diktaturen, zwischenzeitlich zweimal Beschlagnahmungen und 1938, als Hitler seinen Kompagnon Mussolini in Rom besucht, ein von der NS-Regierung geschasster, weil noch mit der jüdischen Stifterfamilie verbundener Direktor: Die Zeitläufte warfen auch in den vermeintlichen Paradiesgarten ihre Schatten.

Aber man muss die Villa Massimo so deutlich hervorheben, weil nur in ihr noch angesichts der Zerstörungen in Deutschland der Geist des Unternehmers und Stifters spürbar präsent ist. Auch leuchtet die Liste der dort gefördertenStipendiaten bis heute: mit Namen wie Karl Schmidt-Rotluff, Otto Dix, Gerhard Marcks, mit Heinrich Böll, Uwe Johnson, Tankred Dorst, Hans Magnus Enzensberger oder Botho Strauß, mit Anselm Kiefer, Jürgen Becker, Gabriele Wohmann, Herta Müller, F. C. Delius, Peter Schneider, Térezia Mora, Navid Nermani, Durs Grünbein oder zuletzt die Installationskünstlerin Sonja Alhäuser.

Doch eben in Rom ereignet sich zwischen den Weltkriegen auch eine fast gespenstische deutsche Koinzidenz.

Im Jahr 1932/33 arbeiten zwei jüngere Künstler buchstäblich Wand an Wand in ihren Atelierhäusern im Park. Sie heißen Arno Breker und Felix Nussbaum und begegnen sich als Massimo-Stipendiaten über Monate wohl Tag für Tag.

Arno Breker, der sich ehedem in Paris an Auguste Rodin und Aristide Maillol orientiert hatte und in Berlin 1935 am Pariser Platz noch dem toten jüdischen Maler Max Liebermann – dessen größter Sammler und Förderer Eduard Arnhold war – die Totenmaske abnimmt, er wird kurz darauf zum prominentesten Bildhauer des Dritten Reichs. Er ist ein Liebling Adolf Hitlers, dessen heroische Büste er 1938 modelliert. Dagegen muss Brekers römischer Nachbar Felix Nussbaum als jüdischer Künstler ab 1933 im Exil leben, erst in Italien und Frankreich, schließlich in Belgien. Er entkommt während des Krieges zunächst einer Lagerhaft, doch im Juni 1944 wird das untergetauchte Malerehepaar Felka und Felix Nussbaum in Brüssel denunziert und mit dem letzten Deportationszug aus Belgien nach Auschwitz-Birkenau gebracht, wo sie beide, vermutlich im Herbst ’44, also eben jetzt vor 75 Jahren, ermordet wurden.

Nussbaums bekannteste Gemälde sind von 1931 „Der tolle Pariser Platz“, auf dem in Berlin vorm Brandenburger Tor die Akademie der Künste mit ihrem Präsidenten Max Liebermann ironisiert wird (heute in der Berlinischen Galerie) – und das letzte große Werk von 1944: „Triumph des Todes“, ein apokalyptischer Tanz der Gerippe. Das Bild ist in dem von Daniel Libeskind entworfenen Nussbaum-Haus in Osnabrück, dem Geburtsort des Künstlers, zu sehen.

Von Arno Breker, der auch nach dem Krieg als Auftragskünstler von Prominenten und Institutionen weiter erfolgreich war, stammen aus seinen späteren Jahren Büsten von Konrad Adenauer, Salvador Dalí, dem Vorstand der Deutschen Bank Hermann Josef Abs – oder das Abbild des von den Nazis in der deutschen Literatur zwölf Jahre lang ausgelöschten Heinrich Heine. Zur eingehenderen Erinnerung ist heute im Foyer des Deutschen Historischen Museums in Berlin die Kopie einer anderen Bronze ausgestellt: „Die Wehrmacht“, eine der beiden Monumentalfiguren, mit denen Breker 1939 das Portal von Hitlers Neuer Reichskanzlei flankierte.

Hätten Eduard Arnhold und seine aus Hamburg stammende Frau Johanna, die 1925 und 1929 starben, den Naziterror noch erlebt, sie hätten beide zu den Opfern zählen können. Eduard Arnholds nähere Verwandten und Nachfahren haben zumeist im Exil überlebt, doch wir wissen nicht von allen. Nicht von allen Opfern. Auch Mitglieder aus Johannas jüdischer Familie konnten emigrieren, andere endeten in den NS-Vernichtungslagern.

Eduard Arnhold war es, der nach dem Berliner Sammlerpaar Carl und Felicie Bernstein als erster wirklich maßgeblicher Sammler Ende des 19. Jahrhunderts die Kunst der französischen Impressionisten, der Manet, Monet, Cézanne, Renoir und viele andere nach Deutschland gebracht hat – gegen den erwähnten Widerstand aus Politik und Gesellschaft. Die auf den Eigenwert von Licht und Farbe setzende Kunst aus dem Land des französischen „Erbfeinds“ galt selbst einem Maler wie Adolph von Menzel als schierer „Dreck“. Arnhold sammelte Menzel, aber auch diesen kostbaren „Dreck“, ebenso wie die Berliner Sezessionisten, also Liebermann, Leistikow, Lesser Ury oder auch Lovis Corinth. Er förderte damit gleichfalls Kunsthändler wie Paul Cassirer und dessen für die Moderne so immens einflussreichen Kunstsalon, vor allem aber schenkte er Bilder und unterstützte Ankäufe der Berliner Museen; er half mit bei der Finanzierung der Antikensammlungen, stiftete 100 000 Mark für den Ankauf der berühmten „Thronenden Göttin von Tarent“ und unterstützte die Ostasiatischen und Islamischen Sammlungen oder archäologischen Grabungen.

Warum weiß man darüber, jenseits von kleinen Kennerkreisen, öffentlich so wenig mehr? Ein Glanzstück der Berliner Gemäldegalerie ist ja Tizians „Venus mit dem Orgelspieler“, deren Erwerb sich im Jahr 1916 Arnholds Ankaufspende in Höhe von 50 000 Mark mitverdankt. Doch in der Gemäldegalerie, deren Neubau heute auf dem Grundstück von Arnholds Haus mit seiner dort einst bewahrten großen Kunstsammlung in der früheren, nicht mehr existenten Regentenstraße steht, dort in der Gemäldegalerie ist sein Name unter den in der Eingangs-Rotunde vom Kaiser Friedrich Museumsverein verewigten Mäzenen und Förderern nicht vermerkt.

Max Liebermanns Ölporträt von Eduard Arnhold gilt als verschollen. Versunken, fast vergessen, wie er selbst. Seine Kollektion in der ausgelöschten Regentenstraße galt nach den Worten Hugo von Tschudis, des früheren Direktors der Berliner Nationalgalerie, als „künstlerisch wertvollste Privatsammlung moderner Kunst in Deutschland“. Durch Diktatur und Krieg, durch die Aufteilung unter den Erben, durch Raub, Zerstörung oder Zwangsverkäufe ist die einst auch der Öffentlichkeit zugängliche Privatsammlung nicht mehr vorhanden. Das neobarocke Anwesen, auf dessen Grundstück jetzt ohne irgendein Hinweis die Berliner Gemäldegalerie steht, ist 1939 von Hitler und seinem Architekten Albert Speer wegen der Planungen für die größenwahnsinnige neue Hauptstadt „Germania“ bereits zum Abrissvorgesehen, im Krieg endgültig zerstört worden. Auch Arnholds kleiner Palazzo im toskanischen Renaissance-Stil am Ufer des Wannsees, nicht weit vom Seehaus des Freundes Max Liebermann, existiert nicht mehr.

Nur das einstige Arnholdsche Landgut Hirschfelde im gleichnamigen Dörfchen nordöstlich von Berlin gibt es noch, zu Teilen auch den früheren Park, darum sorgt nun eine Berliner Anwaltsfamilie. Hirschfelde war einst ein Mustergut, auf dem die Kühe vor dem Melken gebadet wurden und Arnhold für seine Angestellten hübsche, bis heute erhaltene Dorfhäuser erreichten ließ, in denen sie mietfrei wohnen durften. Nahebei in der örtlichen Feldsteinkirche ist auch eine kleine, durch eine Privatinitiative entstandene Arnhold-Ausstellung zu sehen, und die ehemalige Dorfstraße heißt jetzt, einzige in Deutschland, Eduard-Arnhold-Straße. Sie kreuzt sich mit der Ernst-Thälmann-Straße, die beiden Wegschilder berühren sich fast: Berlins einstiger Rothschild oder Carnegie – und der von den Nazis ermordete ehemalige Kommunistenführer, welch eine Begegnung!

Existent ist in Werneuchen, unweit von Hirschfelde, auch noch der Bau und waldartige Garten des einstigen Johannaheims. Es war 1906 zur Silberhochzeit von Eduard und Johanna die überhaupt größte, damals mehr als vier Millionen Mark teure Stiftung des Paars: für Waisen und Mädchen aus armen Verhältnissen, die hier von der Kinderkrippe bis zum Abitur, zur Handelsschule oder gar Universität geführt wurden. Eine Schülerin war zum Beispiel Brigitte Helm, der spätere Ufa-Star und das Idol in Fritz Langs legendärem „Metropolis“-Film. Ihr Sohn Christoph Kunheim ist heute hier anwesend. Zwar erinnert eine Informationstafel noch an das Stifterpaar, doch das von den Nazis beschlagnahmte Johannaheim heißt heute nach einem emigrierten SPD-Politiker der Weimarer Republik „Kurt Löwenstein Haus“ und ist eine 1994 vom Land Berlin an die „Sozialistische Jugend – Die Falken“ übertragene Freizeit- und Fortbildungsstätte. Der alte Name wurde ohne weitere Begründung gelöscht. Also wieder ein Vergessen.

Eduard Arnhold ist am 10. August 1925 gestorben, genau drei Wochen, nachdem ein gescheiterter Kunstmaler den ersten Band eines Buchs herausgebracht hatte, das „Mein Kampf“ hieß. Auf dem Alten Friedhof Berlin- Wannsee sind er und Johanna bestattet. Die Grabstele dort zeigt ein Abschied nehmendes Paar im antik römischen Stil, sie stammt vom Bildhauer Theodor Georgii, einem Stipendiaten der Villa Massimo.

In diesem Sommer ist nun auf der Museumsinsel die von David Chipperfield entworfene James-Simon-Galerie eröffnet worden. Damit wird ein fast gleichalter Freund und einstiger Nachbar von Eduard Arnhold zu Recht geehrt. Auch der Textilunternehmer James Simon gehörte als Mäzen, der Berlin unter anderem die Büste der Nofretete geschenkt hatte, zu eben den jüdischenKulturbürgern, denen Reichtum eine soziale Verpflichtung bedeutete. Arnhold wiederum wurde von Simon einmal als der „lauterste Menschen, den ich kennengelernt habe“ bezeichnet.

Bis zu den Nazis trugen in Berlin zwei Straßen den Namen Eduard Arnholds. Heute ist er in seiner Heimatstadt nahezu vergessen. Es fehlt eine manifeste öffentliche Erinnerung: an Arnhold und seine jüdischen wie nicht-jüdischen Freunde, Kollegen und Nachbarn. Fehlt vor allem im Tiergartenviertel, zwischen Neuer Nationalgalerie, Gemäldegalerie, der Staatsbibliothek, Philharmonie, Mathäikirchplatz, dem dort neu zu erbauenden Museum für Moderne Kunst und dem Areal bis hin zur heutigen Stauffenbergstraße mit der Generaldirektion der Staatlichen Museen.
Die alte Topografie des einstigen Viertels der Unternehmer, Sammler, Diplomaten, Künstler und Bildungsbürger ist ja durch Diktatur und Krieg nahezu völlig zerstört. Doch keine Infostele, keine Tafel, kein Platz erinnert daran, dass sie alle hier einst in unmittelbarer Nachbarschaft gelebt haben: Eduard und Johanna Arnhold, Georg Kolbe, Adolph von Menzel, die Schauspielerin Tilla Durieux, Paul Cassirers Ehefrau, die jüdischen Unternehmer und Mäzene James Simon, Oscar Huldschinsky sowie Emil und Walther Rathenau, die bedeutende Feministin Hedwig Dohm, Großmutter von Thomas Manns Frau Katia Pringsheim, der Kunsthistoriker Julius Meyer Graefe oder der neben Cassirer wichtigste Kunsthändler und Publizist Alfred Flechtheim. Und noch etliche mehr.

Einer wie Arnhold könnte gerade angesichts heutiger sozialer und kultureller Herausforderungen wieder ein Vorbild sein: als Repräsentant für jene zivilgesellschaftliche Kultur, die während der Barbarei des Nationalsozialismus beinahe ausgelöscht wurde. Um dieses Andenken wachzurufen, bedarf es wohl, ähnlich wie im Fall James Simon, einer zivilgesellschaftlichen, einer stadt- und staatsbürgerlichen Initiative. Es sollte doch zur Vergewisserung unserer eigenen Geschichte ein Überlebenszeichen gesetzt werden, möglichst noch vor 2025 und Eduard Arnholds hundertstem Todestag.