Wiederbelebung der Erinnerung

Ansprache von Klaus-Dieter Lehmann bei der Mitgliederversammlung des Vereins zur Erinnerung an Johanna und Eduard Arnhold am 26. Januar 2023 in der Kirche St. Matthäus, Berlin-Tiergarten

Sehr verehrte, liebe Anwesende,

als ich vor 25 Jahren nach Berlin kam und mein Amt als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz antrat, sah das Kulturforum ungefähr so aus wie heute. Aber es zeigte sich mir sehr bald, dass die Geschichte des Kulturforums eigentlich eine andere ist als es der äußere Anschein nahelegt. Der Mantel der Vergessenheit war so wirkungsvoll über die Zeit davor gelegt worden, dass man sich an diese Geschichte überhaupt nicht mehr erinnerte oder sich auch nicht erinnern wollte.

Vielleicht hing es damit zusammen, dass man im geteilten Berlin den Verlust der großen Museen in Ostberlin durch eine konkurrierende Initiative in Westberlin kompensieren wollte und sich alles darauf konzentrierte, mit dem Kulturforum so etwas wie eine eigene Museumsinsel zu schaffen.

Und so entstand in Sichtweite der Berliner Mauer ein neues kulturelles Ensemble für die Kultur der Moderne in einem Areal, das nach den Zerstörungen des alten Tiergartenviertels im und nach dem Weltkrieg einem Niemandsland glich. Aber es blieb auf der Strecke die Vorgeschichte – wobei jeder von uns weiß, dass ein Terrain, das ohne Geschichte auskommen will, so auf Dauer nicht bestehen kann.

Die Geschichte bricht sich immer Bahnen, um in das Bewusstsein zurückzukehren. So ist es auch hier. Und nach dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung eröffnete sich die Chance, sich doch langsam wieder mit der Geschichte des Orts zu befassen, wenngleich immer noch sehr gedämpft und zurückhaltend.

Deshalb ist es so wichtig bei der Gestaltung des Platzes am Kulturforum, der sogenannten „Piazzetta“, den namenlosen Zustand aufzuheben und ihn durch den Namen von Johanna und Eduard Arnhold wieder mit der Geschichte zu verbinden. Sie repräsentieren jenes Tiergartenviertel, das sie einst belebten und ihm einen ganz anderen Charakter verliehen: mit vielen, häufig jüdischen Unternehmern, Künstlern, Kunsthändlern, Publizisten, Politikern. Es war ein „hot spot“ der Künste, mit großartigen Privatsammlungen von Kunst, Mode und Design. Die Gründung dieses Vereins will uns die Erinnerung an das Tiergartenviertel mit seiner bis heute vorbildlichen Bürgergesellschaft wieder zurückbringen.

Zunächst einige kurze Bemerkungen zu Eduard Arnhold selbst. Er zählte als Unternehmer zu den wichtigsten Unternehmerpersönlichkeiten, ähnlich wie James Simon. Wie Simon war Arnhold nicht nur Unternehmer, sondern auch sozialer Wohltäter und beispielhafter Mäzen, insbesondere der Königlichen, später Staatlichen Museen zu Berlin.

Es gibt ein Zitat von Wilhelm von Bode, dem einstigen Generaldirektor der Museen zu Berlin, aus dem Jahr 1928: „Der Name Eduard Arnhold wird unter den Förderern der Kunstmuseen zu Berlin immer in erster Linie stehen.“ Bode hat leider nicht recht behalten. Doch wir können es jetzt ändern.

Arnholds Unterstützung verdankt sich der Ankauf von Kunstwerken, vor allem der französischen und deutschen Impressionisten, aber auch der Alten Meister, die Finanzierung archäologischer Grabungen, eine enge Beziehung zur Philharmonie, zur Akademie der Künste. Seine große Liebe gehörte auch Italien mit der von ihm gestifteten, dem deutschen Staat zur Förderung von Künstlern und Künstlerinnen geschenkten Villa Massimo sowie der kunsthistorischen Bibliotheca Hertziana in Rom oder der Villa Romana in Florenz. Dieses Engagement entsprang seiner großherzigen Leidenschaft.

Es gab in Berlin hier an der Stelle des heutigen Kulturforums, wo in der nun nicht mehr existenten Regentenstraße die Arnholdsche Stadtvilla stand, die große Privatsammlung von Johanna und Eduard Arnhold, insbesondere die Kollektion französischer Impressionisten, aber auch von deutschen Künstlern wie Max Liebermann, Arnold Böcklin, Lenbach oder Lesser Ury. Arnhold folgte beim Sammeln und Fördern nicht dem Mainstream und kümmerte sich auch nicht um die Meinung des Kaisers, der mit den Impressionisten und Secessionisten nichts im Sinn hatte. So haben die Arnholds ihre eigenen Vorstellungen von der Kunst und der Kunstliebe wirklich durchgesetzt. Ganz zu schweigen von ihrem großen sozialen, philanthropischen Engagement oder Arnholds Förderung der Wissenschaften, etwa als Mitgründer der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, aus der dann die heutige Max-Planck-Gesellschaft geworden ist.

Was also tun wir jetzt, um die Erinnerung an die Arnholds wieder zu beleben?

Wir haben gehört, es wird anstelle der jetzigen „Piazzetta“ künftig den Johanna und Eduard Arnhold-Platz geben. Doch uns ist auch bewusst: Allein mit einem Platz-Namen und einem Straßenschild holen wir die Erinnerung noch nicht zurück.

Deshalb möchte ich Ihnen einige persönliche Überlegungen vortragen, wie wir den künftigen Johanna und Eduard Arnhold-Platz zu einer Art Fokus ausgestalten, der die Verbindungen zu den Arnholds wie zu den anrainenden Institutionen des Kulturforums schafft und den Kosmos der Künste und der Kunstförderung wieder mit Leben und Anschauung erfüllt.

Es wird entscheidend sein, die unmittelbaren Anrainer des Kulturforums für eine gemeinsame Initiative zu gewinnen. Es sind die Gemäldegalerie, das Kupferstichkabinett, die Kunstbibliothek, das Kunstgewerbemuseum, die Staatsbibliothek, die Matthäuskirche und die Philharmonie, auch die Nationalgalerie.

Die Gemäldegalerie, das wissen wir alle (nur nicht die große Öffentlichkeit) ist der Ort, an dem ursprünglich die Arnholdsche Villa stand. Das sollte sichtbar gemacht werden. Der Kaiser Friedrich Museums Verein als Förderverein von Gemäldegalerie und Skulpturensammlung ist eine Gründung, die Eduard Arnhold ganz wesentlich initiiert hat. Damit ergibt sich eine enge Beziehung zum Freundeskreis. Bis jetzt gibt es zu den Arnholds keinerlei Hinweis.  Die Sammlung des Kaiser Friedrich Museums, später Bodemuseum, die Gemäldegalerie, die Alte Nationalgalerie oder die Antikensammlung besitzen zahlreiche Exponate, deren Erwerb mit der Unterstützung durch Eduard Arnhold möglich war oder direkt als Schenkungen für das Museum geleistet worden sind.

Wir haben also mit der Gemäldegalerie direkt am Platz eine Einrichtung, die im Zusammenhang mit den übrigen Staatlichen Museen den Arnholds eng verbunden ist. Dazu die Kunstbibliothek, die früher im Gropiusbau war und später in der Prinz Albrecht Straße und hier nun eine große Rolle spielt. Einige kennen vielleicht den Namen Kurt Glasers, der 1924 Direktor der Kunstbibliothek war und vorher als Kustos und Berater beim Kupferstichkabinett arbeitete, ein ganz großer Kunstkritiker und Kunstwissenschaftler seiner Zeit, befreundet mit Eduard Arnhold; das wäre wiederum eine Beziehung zwischen Arnhold und dem Kupferstichkabinett und der Kunstbibliothek. Glaser wurde als Jude 1933 aus dem Amt von den Nazis entfernt.

Die Kunstbibliothek hat im Oktober 2022 – das ist ein wichtiger Punkt – ein Forschungsprojekt zur Geschichte des Tiergartenviertels begonnen, mit Unterstützung durch das BKM; das ist für unsere Vorhaben hier im Verein eine wirklich gute flankierende Maßnahme. Im Grunde hat Eduard Arnhold auch keine zeitliche Grenze gehabt, und als großer Förderer der Impressionisten an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert kann er sogar als Pate des Museums des 20. Jahrhunderts gelten, das derzeit gegenüber dem künftigen Arnhold-Platz entsteht.

Schließlich die Philharmonie: Die Konzerte der Berliner Philharmoniker gehörten zu den bevorzugten Musikerlebnissen von Johanna und Eduard Arnhold, die im einstigen Konzertsaal des Orchesters ihre eigene Loge besaßen. Diese Institutionen sind die Anrainer. Und ich bin der Auffassung, wenn wir den großen weiten Platz auf dem Kulturforum wieder mit Leben erfüllen wollen, müssen wir das mit den Anrainern zusammen machen. Es gilt darum die Anrainer zu überzeugen, das wunderbare Projekt aufzunehmen und mit uns gemeinsam auszugestalten. Es soll ein integraler Bestandteil werden.

Es gibt dann einen weiteren Kreis von möglichen Unterstützern, die durch das Wirken von Johanna und Eduard Arnhold gefördert wurden. Genannt wurde schon die Villa Massimo. Sie bietet eine Möglichkeit, die wir ausspielen sollten; sie wurde als Deutsche Akademie in Rom gebaut und gestiftet von den Arnholds. Was Rang und Namen in der Kunst oder auch Literatur der letzten hundert Jahre hatte, war als Stipendiat oder Stipendiatin in der Villa Massimo. Diese Residenz ist auch heute von herausragender Bedeutung.

In den vergangenen Jahren, das erinnern sicher einige von Ihnen, gab es eindrucksvolle Präsentationen der Massimo-Jahrgangsstipendiaten, zunächst im Gropiusbau, dann auch an anderen Orten: Ich bin der Auffassung, wir sollten Julia Draganovic, die Direktorin der Villa Massimo und kundige Unterstützerin des Arnhold-Projekts, dafür gewinnen, dass diese Präsentationen auch zum Beispiel im Foyer der Gemäldegalerie und in anderen Räumen des Kulturforums stattfinden; dann hätten wir die Förderung der Künstler und Künstlerinnen genau an dem Platz, an dem die Arnholds einst die Idee dazu hatten.

Die Villa Massimo spielt noch in weiterer Hinsicht eine Rolle. Denn es gibt einen Vorschlag, der wirklich interessant ist. Ich meine den Entwurf des Berliner Architekten und vormaligen Villa-Massimo-Stipendiaten Lars Krückeberg von Graft Architects, der wie ein räumliches Zitat einen Ausschnitt des Gartens der Villa Massimo auf der bisherigen, völlig steinernen „Piazzetta“ implantieren möchte. Das Fragment eines römischen Gartens wäre auf dem Johanna und Eduard Arnhold-Platz – anstelle eines nur italianisierenden Platzhalternamens – ein anschauliches, ästhetisch attraktives Symbol auch der Italiensehnsucht deutscher Künstlerinnen und Künstler, deren produktiver Erfüllung die Stiftung der Villa Massimo bis heute dient.

Zu den weiteren Einrichtungen, die dem Engagement der Arnholds viel verdanken, gehört die Akademie der Künste, bei der es immer noch ein weitgehend unbekanntes Arnhold-Stipendium gibt und deren Ehrensenator Eduard Arnhold war. Die Beziehung zur Akademie der Künste sollte man wieder aufnehmen und auch die zum Max Liebermann Haus weiter pflegen, denn Max Liebermann war einer der vom Ehepaar Arnhold meistgeschätzten Künstler, von dem  sie mehr Bilder besaßen als die Berliner Museen.

Das sind nur Beispiele für Möglichkeiten der Zusammenarbeit, die sich mit den von Arnhold einst geförderten Einrichtungen eröffnen.

Eine weitere Überlegung betrifft das Kulturforum bei Nacht.

Der Potsdamer Platz ist nachts immer hell erleuchtet, dagegen versinkt das Kulturforum in Dunkelheit. Man könnte sich etwa überlegen, an den Fassaden der Museen Motive zu projizieren, die (auch) mit den Arnholds in Verbindung zu bringen sind und überhaupt darauf aufmerksam machen, dass der Johanna und Eduard Arnhold-Platz im Gegensatz zum heutigen Potsdamer Platz einen wesentlichen Ort der Künste markiert. Sprich: ein Kulturforum.

Letztlich geht es darum, dass Johanna und Eduard Arnhold ein Leben geführt haben mit dem Leitsatz „Reichtum verpflichtet“. Ich glaube, es würde Berlin nicht schlecht anstehen, wenn die Arnholds und mit ihnen auch ihre Nachbarn und Freunde, die Simons, Cassirer, Huldschinskys und manche andere, wieder ein Vorbild werden für ein zivilgesellschaftliches Engagement, für Förderer, für Mäzene, für Spender, denn da ist in unserer Gesellschaft noch viel Luft nach oben.

Vielen Dank!

 

Korrigierte, vom Autor durchgesehene Abschrift der Tonaufzeichnung des in der St. Matthäuskirche gehaltenen Impuls-Vortrages. – Klaus-Dieter Lehmann war bis 2008 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und danach bis 2020 Präsident des Goethe-Instituts